Die Kriegsrhetorik stürzt Europa in einen militärischen Konflikt, der nicht gewonnen werden kann.

Der Schmerz über die Opfer und die Angst über neue Anschläge sind groß. Der Zorn und die Wut über die Attentätter und ihre Hintermänner lassen alle Barrieren fallen und die letzten Hemmungen werden zu Seite geschoben. In Frankreich spricht man überall von „Wir sind im Krieg.“, der russische Präsident Putin droht den Attentäter, die die Passagiermaschine A321 über dem Sinai zerstört haben, mit „Wir werden sie überall auf der Erde finden und bestrafen“ und auch Hackergruppe Anonymous will die Attentäter und Drahtzieher des „Islamischen Staats“ „weltweit jagen“ und hat ihnen offen den „Krieg erklärt“. 

Die Politik und die Medien trommeln für einen Waffengang der  NATO und der Europäische Union gegen islamistische Terroristen. Die ersten französischen Truppen sind in Marsch gesetzt und auch in Deutschland wird über eine militärische Beteiligung an einem solchen Feldzug diskutiert, denn sowohl EU Vertrag (Artikel 42 Absatz 7) als auch der Wortlaut des NATO-Paktes verpflichten die Bündnispartner Frankreich „beizustehen“.
Wir sind auf dem besten Weg in eine gewalttätigen Auseinandersetzung, die kaum anders enden wird als der Krieg in Afghanistan, in dem nach 14 Jahren die Taliban stärker sind als je zuvor. Auch der Krieg gegen den Terror und Saddam Hussein im Irak hat wenige Ergebnisse gebracht, denn der Irak ist in mindestens drei Regionen zerfallen und es herrschen Bürgerkrieg und Korruption. Trotz dieses offensichtliches Versagen einer militärischen Strategie versinken die mahnenden, ruhigen und friedlichen Stimmen ungehört im lauten Säbelrasseln und sind den Medien kaum eine Nachricht wert.

Damit hat der „Islamische Staat“ (IS) mit seinen jüngsten Anschlägen sein Ziel erreicht und zieht ganz Europa und die halbe Welt in den Konflikt um Syrien, Kurdistan und dem Irak hinein. Die Ausweitung der Gewalt wird den IS nicht schwächen sondern weiter erstarken lassen, denn schon morgen werden sich neue junge Brigadistinnen und Brigadisten auf dem Weg in das Kriegsgebiet machen, um für eine vermeintlich „gerechte Sache Gottes“ zu kämpfen und dafür zu sterben. Auch werden die Bombenangriffe und der Kämpf von Bodentruppen viele zivile Opfer fordern und islamistischen Sympathisanten dazu verleiten, sich für neue Anschläge und Selbstmordkommandos zur Verfügung zu stellen und so den Terror in alles Großstädte Europas tragen.

Seit März 2011 herrscht ein Bürgerkrieg in Syrien. Mindestens 300.000 Tote sind bereits zu beklagen. Millionen Menschen sind ins Ausland auf der Flicht, rund 8 Millionen Kinder, Frauen und Männer sind innerhalb von Syrien auf der Flucht. Die UNO bezeichnet die Flüchtlingskrise als eine der schlimmsten, die es je gegeben hat.
Durch ein noch stärkeres militärisches Engagement der europäischen Staaten werden der Konflikt und der Terror noch weiter eskalieren. Noch mehr Soldaten, Waffen und Bomben im Krisengebiet werden noch mehr zivile Opfer fordern, wichtige Infrastruktur zerstören und die Flüchtlingsströme weiter anwachsen lassen. Es ist unwahrscheinlich, dass die militärischen Ziele, die man sich setzt, überhaupt erreicht werden können. Man muss aus Afghanistan und dem Irak seine Lehren ziehen und endlich die Spirale der Gewalt durchbrechen.


Der Terror des IS wird am meisten geschwächt, wenn man ihn nicht weiter mit neuen Mythen und so mit frischen Kämpfern vorsorgt.
Erst durch das politische Vakuum, welches im Irak und in Syrien durch die dortigen Bürgerkriege entstanden ist, konnte sich der IS ausbreiten. Eine wichtige Etappe gegen den Terror und hin zum Frieden wäre es die Politik statt die Waffen wieder Oberhand gewinnen zu lassen. Dazu muss das Blutvergießen in Syrien beendet und es müssen alle Anstrengungen für eine friedliche Lösung des Konfliktes unternommen werden. In Syrien selbst und in den arabischen Nachbarländern wächst die Einsicht,  dass es keinen militärischen Lösung und Sieg geben kann. Die Ergebnisse der Wiener Konferenz sind seit vielen Jahren ein erster Lichtblick für eine friedliche Lösung.
Statt sich nach jahrelanger militärischer Einmischung nun wiederholt in einen aussichtslosen und blutigen Waffengang zu stürzen, sollte Europa dazu beitragen die Konflikte im Irak und Syrien friedlich zu lösen. Europa muss den dortigen Menschen helfen und die Regionen so wirtschaftlich zu unterstützen, dass diese Hilfe nicht in den korrupten Kanälen versickert, sondern da ankommt, wo der Terror seine Kämpfer und radikale Gottesprediger ihre Opfer rekrutiert.

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