
Der Iran erlebt in den letzten Tagen erneut eine Phase massiver gesellschaftlicher Erschütterung. Hunderttausende Menschen protestieren gegen Armut, Korruption, patriarchale Gewalt und politische Unterdrückung. Über diese eigentliche sichtbaren Massenproteste wird in den deutschen Medien aber nur wenig berichtet. Die aktuelle Lage ist kein spontaner Ausbruch, sondern Ausdruck eines tiefen, seit Jahrzehnten angestauten Konflikts zwischen einer autoritären Terrorherrschaft und einer Gesellschaft, die sich nicht länger fesseln lassen will. Wie in den letzten Jahren, sind auch hier wieder überall viele iranische Frauen sehr mutig und ganz vorne mit dabei und rufen laut: „Zan, Zendegi, Azadi“ – „Frau, Leben, Freiheit“ oder „Nieder mit der Diktatur!“
Das Regime versucht diese aktuell neu aufflammenden landesweiten Proteste erneut entschlossen und sehr brutal niederzuschlagen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden bisher mindestens 35 Menschen (darunter vier Kinder) getötet und deutlich über 1.200 Personen verhaftet, viele davon in nächtlichen Razzien. Einige Verletzte wurden sogar aus Krankenhäusern entführt. Die tatsächlichen Zahlen dürften aber weit höher liegen, da das Regime unabhängige Berichterstattung systematisch unterdrückt. Es gibt auch Berichte aus 88 Städten und auch entlegenen Regionen von Menschenrechtsverletzungen und massiven Waffeneinsatz der Sicherheitskräfte gegen die Bevölkerung.
Das Vorgehen der Revolutionsgarde IRGC, Polizei und Geheimdienst ist gewalttätig, erbarmungslos und gezielt eskalierend. Demonstrationen werden mit Schlagstöcken, Tränengas und in zunehmend mit
scharfer Munition aufgelöst. Sicherheitskräfte gehen nicht nur gegen Protestierende auf der Straße vor, sondern nutzen die Situation gezielt, um unliebsame Dissident:innen, politische
Gegner:innen, Gewerkschafter:innen und Aktivist:innen aus dem Weg zu räumen. Verhaftungen dienen dabei nicht der „Wiederherstellung von Ordnung“, sondern der Einschüchterung und Zerschlagung der
demokratischen Bewegung.
Die Repression folgt einem bekannten Muster, mit der die IRGC seit Jahrzenten arbeitet: Gewalt, Massenverhaftungen, Kriminalisierung von Protest und das bewusste Schaffen von Angst. Damit zeigt das Regime einmal mehr, dass es nicht an einem offenen Dialog interessiert ist, sondern seine uneingeschränkte Macht ausschließlich mit Zwang und Terror absichert. Die Lage der Menschen ist so verzweifelt, dass sie sich dennoch nicht davon abhalten lassen auf die Straße zu gehen.
46 Jahren Unterdrückung und Gewaltherrschaft
Seit der Etablierung der Islamischen Republik 1979, also seit fast 46 Jahren, herrscht im Iran ein unmenschliches System der politischen Repression, das auf Angst, Gewalt, Desinformation, Intrigen, Denunziation und systematischer Entrechtung der Menschen basiert. Hinrichtungen, Folter, politische Gefangenschaft und die brutale Unterdrückung von Frauen, Arbeiter:innen, Minderheiten und Oppositionellen sind keine Ausnahmen, sondern die Regel der Herrschaftsinstrumente der Revolutionsgarde IRGC, Polizei und der Regierung. Allein im Jahr 2025 wurden über 2.000 Menschen hingerichtet.
Ein Kampf von unten – sozial, demokratisch, feministisch
Die aktuelle Protestbewegung ist breit und vielfältig: Arbeiter:innen, Studierende, Frauen, Rentner:innen, Bauern, Einzelhändler:innen, ethnische und religiöse Minderheiten sowie linke und demokratische Aktivist:innen tragen sie gemeinsam. Besonders wichtig ist die Rolle unabhängiger Gewerkschaftsstrukturen, etwa von Lehrer:innen, Fahrer:innen oder Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die soziale Forderungen mit politischen Freiheitsrechten verbinden. Es zeigt sich, dass von Protestwelle zu Protestwelle, die Unterstützung der Bevölkerung und der Menschen im Iran anwächst und die Anhänger des islamistischen Unterdrückungsapparats jeden Tag weniger werden.
Die linke demokratische Opposition im Iran – ob im Land selbst oder im Exil – verfolgt dabei einen klaren Kurs:
Nicht aus Schwäche, sondern aus menschlicher Verantwortung lehnt diese Opposition einen bewaffneten und inhumanen Bürgerkrieg gegen die eigenen Nachbarn ab. Ein solcher Krieg würde hunderttausende Tote fordern und die Revolutionsgarden IRGC, den zentralen Terrorapparat des Regimes, nur noch weiter stärken – militärisch, politisch und ideologisch. Schon heute gelingt es der iranischen Propaganda immer wieder die iranische Opposition damit zu spalten und empfindlich hart zu schwächen.
Das gefährliche Schweigen der internationalen Linken
Umso beschämender ist das weitgehende Schweigen großer Teile der internationalen und auch der deutschen Linken zu den aktuellen Protesten im Iran. Während andere aktuelle Konflikte – zu Recht – im Zentrum politischer Debatten und den Medien stehen, werden die Genoss:innen im Iran weitestgehend ignoriert oder marginalisiert und erscheinen nur den Randspalten der Presse. Dieses Schweigen ist kein neutraler politischer Akt. Es lässt diejenigen alleine und im Stich, die unter extremsten Bedingungen seit Jahrzehnten für Freiheit und Demokratie kämpfen.
Diese Leerstelle und offene Wunde bleibt leider nicht folgenlos. Sie wird zunehmend gefüllt von reaktionären iranischen Kräften, die eine Rückkehr des Schah fordern und die immer mehr Zulauf bekommen, da alle andere laut schweigen: Monarchist:innen, restaurativen Eliten, nationalistischen und politischen Abenteurern, die sogar ganz offen fordern, die USA und ihre Verbündeten sollten den Iran gezielt bombardieren, um das Regime möglichst schnell zu stürzen. Diese Forderungen, die eigenen Städte anzugreifen, sind brandgefährlich und könnten die Spaltung der Demokratiebewegung im Iran und auch in Deutschland spalten. Sie bedeuten nicht Befreiung, sondern führen zu Krieg, Chaos, Hunger und unermessliches Leid für die Zivilbevölkerung.
Keine Bomben, keine Monarchie – sondern Demokratie
Die linke, demokratische Opposition im Iran und im Exil weist diesen falschen Weg entschieden zurück. Sie kämpft weder für eine Rückkehr zur Monarchie noch für eine „Befreiung“ durch ausländische Armeen, Raketen oder Bombern. Sie kämpft für emanzipierte Selbstbestimmung und für eine offene Republik, eine säkulare Verfassung und freie Wahlen.
Das iranische Volk kann und wird sich selbst befreien und die Fesseln der Unterdrückung von selbst abstreifen. Die jetzigen Proteste sind dazu eine große Chance der Freiheit mit großen Schritten näher zu kommen, doch die Kraft und Stärke des iranischen Regimes darf nicht unterschätzt werden. Der Kampf um Freiheit muss weitergehen und er verdient internationale Anerkennung und hörbare Solidarität.
Nur ein von innen vom Volk selbst erkämpfter Wandel kann einen dauerhaften Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen im Iran ermöglichen. Nur so entsteht eine politische Unabhängigkeit und selbstbestimmte Ordnung, die auf Gleichberechtigung, sozialer Gerechtigkeit, kulturellen und gegenseitigem Respekt beruht – und die ein friedliches Zusammenleben und Frieden auch mit den Nachbarländern langfristig absichert.
Ein demokratischer Iran wäre nicht nur ein großer Gewinn für die Menschen im Land selbst, sondern auch ein wichtiger Beitrag zu Stabilität, Frieden und einer blühenden Zukunft der gesamten Region, auf die die Menschen dort schon so lange hoffen.
Was Solidarität heute bedeutet
Solidarität darf nicht selektiv sein. Sie darf nicht an widersprüchlichen geopolitischen Loyalitäten oder antiwestlichen linken Reflexen haltmachen. Linke Solidarität gilt uneingeschränkt und bedeutet heute sehr klar und deutlich:
Unsere linke Haltung ist klar
Wir stehen fest an der Seite der Menschen im Iran, die mit ihrem Leben für Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit kämpfen. Wir lassen sie nicht allein – weder gegen das Regime noch gegen die Vereinnahmung durch reaktionäre Kräfte.
Für eine demokratische und säkulare Republik.
Für soziale Gerechtigkeit und Selbstbestimmung.
Unsere Stimme für Freiheit: Frau, Leben, Freiheit – Jin, Jiyan, Azadî.
