Eine Satire zur die Stadt Bergisch Gladbach in Vielfalt, Demokratie & Neutralität:
Ein kleines Wunder hat sich heute im Bergisch Gladbacher Rathaus in der Stadtmitte ereignet.
An 364 Tagen im Jahr erklärt uns die Stadtverwaltung, wie bunt, weltoffen, vielfältig und chancengerecht sie ist. Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, Sprachen, Herkunftsgeschichten und kulturellen Hintergründen arbeiten gemeinsam für die Stadt und alle Menschen, egal vorher sie kommen. Vielfalt ist ein Mehrwert. Chancen.Vielfalt. Zusammen.Wirken. Offenheit. Willkommen. #verliebtinbergischgladbach ... Das ist gut so für das "Lieblingsstädchen" ..
Und dann kommt Fußball. Plötzlich verschwinden 1.432 Individuen und städtische Mitarbeiter;innen mit ihren ganz unterschiedlichen Vorlieben, Familiengeschichten und Identitäten in einem einzigen großen, harmonischen „Wir“.
Doch dann steht im Text zum Reel der Stadt Bergisch Gladbach: „Wir drücken unserem DFB-Team fest die Daumen und wünschen viel Erfolg.“ So steht es unter einem Reel in Instagram. Aha! Jetzt sind alle 1.432 Mitarbeiter:innen sind einig, weil alle „bio-deutsch“ sind. Ist das so?
Unserem.
Nicht „dem deutschen Team“.
Nicht „allen Teams faire Spiele“.
Nicht „allen Bürgerinnen und Bürgern viel Spaß beim Mitfiebern – egal für wen“.
Nein.
Unserem DFB-Team.
Und weil das Ganze offenbar noch nicht ausreichend amtlich wirkte, marschieren Mitarbeitende im Instagram-Video https://www.instagram.com/p/DZ_xCk_R4T4/ mit entschlossenen Gesichtern, mit Kraftposen, deutschen Fanartikeln und Trompete ins Rathaus, als stünde nicht die Bearbeitung von Wohngeldanträgen, sondern das WM-Finale auf dem Programm. Dramatische Musik wie beim Einlaufen ins Stadion. Man wartet förmlich darauf, dass der Bürgermeister mit einer gelben Karte die Haushaltsrede eröffnet.
Da stellt sich schon eine neugierige Frage: Sind wirklich alle 1.432 Beschäftigten der Stadtverwaltung DFB-Fans? Wirklich heute alle? Allein heute spielen bei der FIFA-WM Teams aus 12 Nationen.
Niemand für Ecuador?
Niemand für Schweden?
Niemand für Niederlande?
Niemand für Tunesien?
Niemand für Brasilien?
Niemand für die Türkei?
Niemand mit USA Familiengeschichte, der heute vielleicht USA unterstützt?
Keine Kollegin mit japanischen Wurzeln, die von den dem Pokal träumt?
Kein Hausmeister, der seit Kindheitstagen Ecuador die Daumen drückt?
Kein Auszubildender, dessen Herz für Australien schlägt?
Alle für das DFD-Team?
Erstaunlich.
Denn bisher dachte ich, Vielfalt bedeute, dass Menschen unterschiedlich sind. In Bergisch Gladbach leben Menschen aus über 130 verschiedenen Nationen friedlich zusammen. Offenbar bedeutet Vielfalt zur WM 2026 im Rathaus: „Du darfst sein, wer du möchtest. Aber wenn die WM läuft, bist du bitte Teil von 'unserem DFB-Team'.“
Und dann wäre da noch diese etwas unromantische Frage, die man sich als Bürgerin oder Bürger stellen darf: War da nicht irgendetwas mit dem Neutralitätsgebot? Ist die öffentliche Verwaltung nicht dazu verpflichtet, die Gesamtheit der Bevölkerung neutral und unparteiisch zu vertreten und auch so zu behandeln? Oder gilt das Neutralitätsgebot nur für Parteien, Religionen, politische Meinungsäußerungen und die Farbe von Regenbogen-Icons bei Insta und buntes Lesezeichen in E-Mail-Signaturen? Fußballnationalgefühl fällt vermutlich unter eine bislang wenig bekannte Ausnahme:
"§ 90 Abs. 11 Fanservicegesetz NRW - Kommunale Behörden dürfen sich während internationaler Turniere vorübergehend in eine Außenstelle des DFB verwandeln, sofern die Mitarbeitenden in Zeitlupe durch das Rathaus laufen und die Hintergrundmusik ausreichend episch ist."
Und weil die Stadt doch so großen Wert auf Vielfalt legt, darf man gespannt sein: Bekommen die anderen Teams, die heute oder in den nächsten Wochen ebenfalls bei der Weltmeisterschaft spielen, auch noch ihre offiziellen Glückwünsche?
Ein Video für Ecuador?
Ein Reel für Japan?
Ein motivierendes „Vamos!“ für Paraguay?
Ein „Allez les Lions!“ für Senegal?
Oder ist „Wir“ doch am Ende erstaunlich klein und meint lediglich diejenigen, die zufällig dieselbe Nationalmannschaft unterstützen wie die Social-Media-Abteilung?
Ich gebe es ganz offen zu: Als Einwohner dieser Stadt frage ich mich schon, ob ich mich von einer Verwaltung noch gleichermaßen und divers vertreten und angesprochen fühlen soll, wenn sie sich als Institution öffentlich als Fanblock einer bestimmten Nationalmannschaft inszeniert. Da stellt sich dann doch die Frage nach dem "Lieblingsstädtchen" genauso wie nach dem "Lieblingsteams". Ich verrate jetzt nicht, wo ich da stehe! Nicht, weil Fußball keinen Spaß machen darf. Im Gegenteil. Fußball lebt von Leidenschaft, Übertreibung und gelegentlichem bis immer von Realitätsverlust.
Fußball und auch das DFB-Team ist divers und vielleicht fehlt diese Diversität bei der Stadtverwaltung, was vieles erklären würde. Aber genau deshalb sollte vielleicht die Behörde diejenige
Institution bleiben, die nicht entscheidet, wer wir sind und wer heute zu „uns“ gehört. Die inklusivste Botschaft wäre wahrscheinlich gewesen: „Wir wünschen allen Teams faire Spiele, allen Fans
spannende Begegnungen und hoffen, dass morgen trotz möglicher Verlängerung wieder jemand im Bürgerbüro ans Telefon geht.“
Das wäre vielleicht weniger stadiontauglich gewesen. Aber ziemlich rathaustauglich. Und womöglich sogar ein kleines bisschen vielfältiger. Bis zum Anpfiff jedenfalls. Danach scheint die Diversity leider wieder auf der Ersatzbank zu sitzen. Fußball ist eben eine "ernste Sache".
Am Ende soll Fußball allen Spaß machen und genau darum ging es eigentlich auch nur! ;-)
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UPDATE: Das Real wurde aus dem Instagramkonto der Stadt nach nur 3,5 Stunden wieder geloscht. Uppss... Warum? Hat sich da jemand beschwert, weil er heute Abend ein anderes Team
"viel Erfolg" wünschen wollte? ... "Verstehen sie Spaß und Satire?" ich vergaß "...
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