Die Linke wächst – aber Deutschland rückt nach rechts

Die aktuellen Umfragen (30.5 und 1.6.2026) liefern auf den ersten Blick sehr widersprüchliche Signale und machen am Ende Sorgen um die Demokratie in Deutschland. Es ist erfreulich, dass Die Linke bundesweit stabile zweistellige Werte erreicht und sich nach ihrer tiefen Krise der Jahre 2023 und 2024 eindrucksvoll zurückgemeldet. Gleichzeitig erlebt Deutschland einen politischen Rechtsruck historisch erschreckenden Ausmaßes. Wer die Zahlen nur aus Sicht einzelner Parteien betrachtet, verkennt die eigentliche katastrophale Entwicklung.  

 

Die Linke hat ihre Krise überwunden

 

Zunächst ist festzuhalten: Die Linke hat sich politisch stabilisiert. Nach Jahren des Niedergangs, innerparteilicher Konflikte und der Abspaltung des BSW liegt sie inzwischen in vielen Umfragen zwischen 10 und 12 Prozent. In der aktuellen GMS-Umfrage erreicht sie mit 11 Prozent sogar den gleichen Wert wie die SPD. Die Grünen stehen jetzt über der SPD.

 

Das ist kein statistischer Ausreißer, sondern Ausdruck einer realen politischen Entwicklung. Die Linke wird wieder als eigenständige soziale Oppositionskraft wahrgenommen, nachdem sie sie jahrelang mit sinkender Mitgliederzahl und immer weniger Aktiven vor Ort tapfer ums Überleben kämpfen musste. Noch Ende 2024 hätte keiner eine Wette über 5 % auf Die Linke abgeschlossen und der Einzug in den Bundestag lag in weiter Ferne. Doch nun finden Themen wie Mieten, Lebenshaltungskosten, soziale Gerechtigkeit, Renten, Krankenhäuser und öffentliche Infrastruktur wieder Resonanz und auch die Zahl der jungen Mitglieder steigt deutlich an und verstärkt auch lokale Strukturen der Partei.

 

Gleichzeitig zeigt der fortschreitende Absturz des BSW auf Werte um 2 bis 4 Prozent, dass sich ein erheblicher Teil des linken Protestpotenzials wieder bei der Partei Die Linke bündelt. Für sich genommen wäre das eine großartige Erfolgsgeschichte. Diejenigen die weiterhin stramm zum BSW halten, sind auch diejenigen, die Mehrheitsbildungen des BSW gemeinsam mit der AfD befürworten, weshalb es sogar schwierig ist, das BSW wirklich links einzuordnen. Das BSW selbst versteht sich als progressiv-konservativ.

 

Die SPD befindet sich in einer historischen Krise

 

Doch die Lage verändert sich grundlegend und gravierend beängstigend, sobald wir die Entwicklung des gesamten politischen Spektrums betrachten. Die SPD fällt in mehreren Umfragen auf historische Tiefstwerte zwischen 11 und 13 Prozent. Eine Partei, die jahrzehntelang Volkspartei war, verliert dramatisch an gesellschaftlicher Verankerung.

Aus linker Sicht ist dies nicht nur ein Problem der SPD. Die Sozialdemokratie war über Jahrzehnte eine zentrale Säule des demokratischen und sozialen Lagers. Ihr Niedergang verändert das gesamte politische Kräfteverhältnis, was sich auch schon in den Parlamenten auswirkt.

 

Besonders bemerkenswert ist, dass die Verluste der SPD nicht überwiegend bei den Parteien links landen. Weder Die Linke noch die Grünen können den Einbruch der SPD vollständig auffangen und kompensieren. Das bedeutet: Ein großer Teil der ehemaligen SPD-Wählerschaft wandert nicht nach links, sondern nach tatsächlich rechts zur AfD oder zieht sich aus dem politischen System zurück.

 

Der eigentliche Gewinner ist die AfD

 

Die dominierende Entwicklung der aktuellen Umfragen ist daher nicht der Aufstieg der Linken über die 10 % Marke, sondern die sichtbare Stärke der AfD in der Bevölkerung. Mit Werten zwischen 27 und 29 Prozent ist die AfD inzwischen in mehreren Umfragen stärkste Kraft in Deutschland. Zusammen mit CDU/CSU erreicht das konservativ-rechte Lager eine Größenordnung, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wäre. Hinzu kommen Anzeichen, dass die FDP-Zustimmung wieder steigen könnte, nachdem der neue FDP-Vorsitzende eine Mehrheitsbildung mit der AfD klar befürwortet. Die gesellschaftliche Unzufriedenheit wird damit derzeit deutlich erfolgreicher von rechts als von links kanalisiert und aufgefangen. Linke Positionen gewinnen insgesamt betrachtet tatsächlich nicht mehr Zustimmung in der Bevölkerung.

 

Die Ursachen liegen auf der Hand:

  • steigende Lebenshaltungskosten, 
  • Wohnungsnot und sehr hohe Mieten, 
  • Unsicherheit über die wirtschaftliche Zukunft, 
  • Vertrauensverlust in staatliche Institutionen, 
  • das Gefühl sozialer Vernachlässigung vieler Regionen und Bevölkerungsgruppen. 

Die AfD bietet darauf autoritäre, nationalistische und einfache Antworten. Diese Antworten lösen zwar keine sozialen Probleme, sie geben aber vielen Menschen das Gefühl, dass ihre Sorgen überhaupt wahrgenommen und gehört werden. Das greift bei den Wähler:innen nachweisbar und sichtbar auch bei den Wahlerfolgen der AfD.

 

Die Lager verschieben sich

 

Betrachtet man die Umfragen in einer Lagerperspektive, wird die Entwicklung noch deutlicher. Das Lager der Parteien, die eine Zusammenarbeit mit der AfD klar und auch glaubwürdig ausschließen – insbesondere Die Linke, Grüne und SPD – wächst insgesamt nicht. Die Zugewinne bei Die Linke und Grünen gleichen die Verluste der SPD nicht aus.

 

Gleichzeitig entstehen rechts und rechtskonservativ politische Konstellationen, in denen die Abgrenzung zur AfD weniger eindeutig erscheint als noch vor einigen Jahren. Auch dort, wo formale Koalitionen ausgeschlossen werden, verschiebt sich der politische Diskurs sichtbar nach rechts. CDU/CSU und FDP biedern sich der AfD an.


Die Folge ist eine neue politische Realität: Nicht die Linke bestimmt die gesellschaftliche Debatte, sondern die Rechte. Migration, Sicherheit, nationale Identität und kulturelle Konflikte dominieren häufig stärker als soziale Verteilung, Wohnen oder Arbeitsbedingungen.

 

Warum die Linke trotz Wachstum nicht zufrieden sein kann

 

Aus linker Perspektive wäre es deshalb ein Fehler, die zweistelligen Umfragewerte als ausreichenden Erfolg zu betrachten. Natürlich ist es wichtig, dass Die Linke wieder handlungsfähig geworden ist. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob Die Linke wächst. Die entscheidende Frage lautet:

 

Wächst die gesellschaftliche Linke?

 

Die bisherigen Zahlen sprechen dagegen. Wenn Die Linke von 4 auf 11 Prozent steigt, die AfD aber gleichzeitig auf fast 30 Prozent wächst und die SPD massiv einbricht, verändert sich das Kräfteverhältnis insgesamt zugunsten der Rechten. Eine Partei kann also erfolgreicher werden, während ihr politisches Lager insgesamt verliert. Genau das scheint derzeit zu passieren.

 

Konsequenzen für linke Politik  und die SPD, Grüne, Die Linke)

 

Aus dieser Analyse ergeben sich mehrere Schlussfolgerungen.

  1. Die soziale Frage muss wieder ins Zentrum
    Die Linke darf nicht zulassen, dass die politische Debatte dauerhaft von kulturellen Konflikten dominiert wird. Die entscheidenden Themen bleiben:

    - bezahlbares Wohnen,
    - gute Löhne,
    - sichere Renten,
    - funktionierende Krankenhäuser,
    - öffentliche Infrastruktur,
    - gerechte Besteuerung großer Vermögen.

    Menschen müssen erleben, dass ihre materiellen Probleme politisch lösbar sind.
  2. Die AfD muss politisch, nicht nur moralisch bekämpft werden
    Empörung und verbaler Radikalismus oder akademische Debatten allein werden die AfD nicht schwächen. Die AfD gewinnt dort Zustimmung, wo Menschen das Gefühl haben, dass ihre sozialen Sorgen ignoriert werden. Linke Politik muss zeigen, dass sie konkrete Antworten auf diese Sorgen hat und konkrete Lösungen und faktischen Mehr- und Nutzwert für die Menschen anbieten. Die Auseinandersetzung mit der AfD ist deshalb immer auch eine soziale Auseinandersetzung. Die Linke muss eine klare und verständliche Sprache sprechen, die bei den Menschen auch ankommt, sich an ihren Interessen orientiert und ihre Interessen ernst nimmt.
  3. Die Linke muss ehemalige SPD-Milieus zurückgewinnen
    Die größte politische Reserve liegt nicht bei den Stammwähler:innen der Grünen oder in linken Szenen, die eh schon in den Lagern stehen. Sie liegt bei abhängig Beschäftigten, Gewerkschaftsmitgliedern, Rentner:innen, Alleinerziehenden und Menschen mit mittleren oder niedrigen Einkommen, die früher SPD gewählt haben und sich heute politisch heimatlos fühlen und sich tatsächlich zunehmen von der AfD verstanden fühlen. Ohne diese Gruppen wird es keine gesellschaftliche Mehrheit links der Mitte geben. Hier liegt eines der Probleme für SPD, Grüne und Die Linke, denn tatsächlich kann sie große Teile dieser Menschen nicht erreichen, da diese auch innerhalb ihrer eignen Partei nicht glaubwürdig vertreten sind.
  4. Solidarität und soziale Sicherheit müssen zusammen gedacht werden
    Die Rechte versucht soziale Unsicherheit gegen Migration, Vielfalt oder Minderheiten auszuspielen. Die Linke kann nur erfolgreich sein, wenn sie beides verbindet:

    - konsequente soziale Sicherheit,
    - konsequente Verteidigung demokratischer und menschenrechtlicher Prinzipien.

    Wer diese Fragen gegeneinander ausspielt, oder eine vor das andere zu stellen, stärkt letztlich die Rechte. Auch dafür müssen die Parteien aufholen und in sich gehen, um eigene strukturelle und programmatische Defizite zu beseitigen.

 

Die aktuellen Umfragen enthalten zwei Wahrheiten gleichzeitig:

Die Linke ist zurück. Und: Deutschland erlebt einen deutlichen Rechtsruck.

 

Die erste Entwicklung ist eine Voraussetzung dafür, die zweite aufzuhalten. Sie reicht dafür aber noch lange nicht aus. Die Aufgabe der kommenden Monate und Jahre besteht deshalb nicht nur darin, Die Linke noch stärker zu machen und auch das linke Lager zu stärken. Entscheidend wird es sein, ob es gelingt, die gesellschaftliche Unzufriedenheit wieder in soziale, solidarische und demokratische Bahnen zu lenken, weg von der AfD. Dazu braucht es konstruktive Bündnisse und eine stärker Verankerung auf kommunaler Ebene, durch aktive lösungsorientiere Politik vor Ort, die die Themen aufgreift, die die Menschen plagen und belasten. 

 

Die Umfragen zeigen: Die Linke hat ihre Krise überwunden und hat auch einen deutlichen Zuwachs an Mitgliedern erreicht, was ihre Handlungsfähigkeit merklich erhöht.. Die Krise des demokratischen und sozialen Lagers insgesamt ist jedoch noch lange nicht gelöst. Genau darin liegt die zentrale politische Herausforderung unserer Zeit und in den nöchsten Jahren.

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