„Liebe ist Widerstand - Widerstand ist Leben“

... für Hale

Wenn ich über den kurdischen Satz „Widerstand ist Leben“ nachdenke, dann ist das für mich keine politische Parole und kein theoretischer Gedanke. Es ist die Geschichte meines Lebens. Es ist die Antwort auf Erfahrungen von Rassismus, Ausgrenzung und Demütigung. Es ist die Überzeugung, die mich seit meiner Kindheit begleitet und die bis heute mein Denken und Handeln prägt. Bis heute und immer wieder ganz konkret!

 

Schon als sehr junger Mensch musste ich lernen, was Ungerechtigkeit bedeutet. Ich wurde nicht nur mit Vorurteilen konfrontiert, sondern erlebte Gewalt und Erniedrigung. Leider ist das bis heute so geblieben.  Als kleines Grundschulkind wurde ich von einer rassistischen Musiklehrerin vor allen anderen Kindern im Unterricht in Gesicht geschlagen. Solche Erfahrungen hinterlassen Spuren. Sie erzeugen Angst, Selbstzweifel und das Gefühl, nicht dazuzugehören und etwas Niedriges zu sein. Sie versuchen bis heute, Menschen kleinzumachen und ihnen ihre Würde zu nehmen.

 

Doch selbst in diesen Momenten trug ich etwas in mir, das stärker war als die Gewalt und Demütigung. Meine Eltern und meine Familie haben mir etwas mitgegeben, das mich bis heute trägt: Liebe. Sie haben mir gezeigt, dass das stärkste Gegenmittel  des Widerstands nicht Hass, sondern Liebe ist. Die Liebe zur eigenen Würde. Die Liebe zu den Menschen, die uns nahe stehen. Die Liebe zur Gerechtigkeit. Die Liebe zum Leben selbst.

 

Diese Liebe hat mich bis heute davor bewahrt, an der Ungerechtigkeit zu zerbrechen. Sie hat mir die Kraft gegeben, öffentliche Demütigungen zu ertragen, ohne meine Menschlichkeit zu verlieren. Sie hat mir geholfen, gegen das Unrecht zu stehen, ohne selbst von Hass erfüllt zu werden. Denn Hass zerstört nicht nur die Menschen, gegen die er sich richtet. Er zerstört auch diejenigen, die ihn in sich tragen und austeilen.

 

Deshalb habe ich gelernt, dass Widerstand nicht aus blanker Wut allein entstehen kann. Echter Widerstand entsteht aus der Weigerung, die eigene Menschlichkeit aufzugeben. Er entsteht aus dem Glauben daran, dass jeder Mensch Würde besitzt und ein Recht auf Freiheit, Frieden und Glück hat.

 

Dieser Gedanke findet sich auch in der Philosophie des Widerstands wieder. Besonders in der kurdischen Freiheitsbewegung wird Widerstand nicht nur als Kampf gegen Unterdrückung verstanden, sondern als Ausdruck des Lebens selbst. Dort bedeutet Leben mehr als bloßes Überleben. Leben bedeutet, frei zu sein, in Würde zu leben, Gemeinschaft zu erfahren und Verantwortung füreinander zu übernehmen. Der Widerstand richtet sich nicht nur gegen Unterdrückung, sondern zugleich für ein anderes Leben: ein Leben in Solidarität, Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt. Es gibt Zeiten in denen ich dieses erfahre und es gibt Zeiten, in denen ich auf kalten Hass stoße; auch dort, wo ich es nicht erwartet hätte. Meine Antwort ist immer: „Liebe ist Widerstand – Widerstand ist Leben!“

 

Der kurdische Leitsatz „Berxwedan Jiyan e“ – „Widerstand ist Leben“ – beschreibt eine menschliche Haltung. Wo Menschen ihre Würde verteidigen, wo sie sich gegen Unterdrückung auflehnen, wo sie ihre Hoffnung bewahren und sich füreinander einsetzen, dort zeigt sich das Leben in seiner stärksten Form. Widerstand wird nicht als Zerstörung verstanden, sondern als schöpferische Kraft. Als Kraft, die Gemeinschaft schafft, Freiheit verteidigt und neue Möglichkeiten eröffnet.

 

In diesem Gedanken erkenne ich mich wieder. Aus meinem inneren Widerstand wurde im Laufe der Jahre ein politischer Widerstand. Aus dem Wunsch, mich selbst zu schützen, wurde der Wunsch, für eine gerechtere Gesellschaft einzutreten. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, haben mir gezeigt, dass Diskriminierung und Ausgrenzung nicht nur einzelne Menschen verletzen. Sie bedrohen den Zusammenhalt einer ganzen Gesellschaft.

 

Deshalb wurde der Kampf gegen Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung und für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit zu einem wichtigen Teil meines Lebens. Nicht, weil ich in der Vergangenheit leben möchte, sondern weil ich an die Zukunft glaube. An eine Zukunft, in der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrem Geschlecht oder ihrer sozialen Stellung mit Respekt behandelt werden. An eine Zukunft, in der Freiheit nicht das Privileg weniger ist, sondern das Recht aller.

 

Dabei habe ich immer wieder erfahren, dass kein Mensch allein stark genug ist, um die Welt zu verändern. Veränderung entsteht durch Solidarität. Durch Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, füreinander einstehen und sich nicht voneinander trennen lassen. Solidarität bedeutet, den Schmerz anderer ernst zu nehmen. Sie bedeutet, die eigene Freiheit mit der Freiheit anderer zu verbinden. Sie bedeutet, zu erkennen, dass unser Schicksal miteinander verflochten ist.

 

Für mich gehören Liebe, Solidarität und Widerstand deshalb untrennbar zusammen. Die Liebe gibt mir die Kraft, nicht aufzugeben. Die Solidarität zeigt mir, dass ich nicht allein bin, auch wenn manchmal alle scheinbar gegen mich stehen und mich beschimpfen; alle anderen schweigen. Dann erinnert mich der Widerstand daran, dass Würde und Freiheit niemals selbstverständlich sind, sondern immer wieder verteidigt und umkämpft werden müssen. Das ist nicht immer leicht, aber wer dabei aufgibt hat sowohl seine Würde als auch seine Freiheit verloren. Solange der Widerstand steht, gibt es noch Leben und Hoffnung.

 

Mein Widerstand richtet sich nicht gegen Menschen. Er richtet sich gegen Hass, gegen Ungerechtigkeit, gegen Ausgrenzung und gegen jede Form der Entmenschlichung. Er kämpft für Frieden statt Krieg, für Freiheit statt Unterdrückung, für Mitgefühl statt Gleichgültigkeit und für Hoffnung statt Resignation.

 

Wenn ich heute zurückblicke, und der ist noch nicht zu Ende, dann erkenne ich einen roten Faden: die Entscheidung, trotz aller Erfahrungen an der Menschlichkeit festzuhalten. Die Entscheidung, Liebe nicht durch Hass ersetzen zu lassen. Die Entscheidung, Ungerechtigkeit nicht als Normalität zu akzeptieren. Die Entscheidung, gemeinsam mit anderen für eine bessere Welt einzutreten.

 

Deshalb ist dieser Satz für mich weit mehr als ein politisches Motto. Er ist eine Lebensphilosophie. Er erinnert mich daran, woher ich komme, was mich geprägt hat und wofür ich lebe.

 

Liebe ist Widerstand - Widerstand ist Leben.

 

Ich liebe dich, Hale!

 

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