Diesen Satz hörte ich heute das erste Mal. Er klingt harmlos. Selbstironisch? Fast sympathisch? Schließlich ist eine Kartoffel rund, bodenständig und kommt auf den Teller. Was soll daran schon problematisch sein?
Aber wer würde ernsthaft sagen: „Ich bin stolz, eine Kartoffel zu sein.“ und den Zusatz „deutsch“ dabei vergessen? Wahrscheinlich niemand, denn niemand würde sich als Karotte oder Kohlrabi bezeichnen und stolz darauf sein. Es geht also um den Kontext mit dem Begriff "stolz", der mich ein wenig irritiert.
Denn der Stolz richtet sich ja gar nicht auf die Kartoffel. Die Kartoffel ist nur die Verpackung. Übersetzt heißt der Satz meistens nichts anderes als: „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.“ Die Kartoffel dient als Chiffre für das vermeintlich typisch Deutsche.
Und genau da fangen meine Fragen an.
Stolz empfinde ich normalerweise auf etwas, das ich selbst getan habe. Auf eine bestandene schwere Prüfung. Auf einen gelungenen Text oder eine mitreißende Rede. Auf Menschen, die sich entschlossen gegen Ungerechtigkeit stellen. Aber worauf genau sind wir stolz, wenn wir rein zufällig von deutschen Eltern in die Welt gesetzt wurden? Es reicht ja nicht aus, „zufällig“ in Deutschland geboren zu sein. Das ist tatsächlich keine Leistung. Die Eltern sind ein Zufall. Zumindest können wir nichts dafür, um darauf stolz sein zu können.
Vielleicht ist das auch gar nicht so gemeint, und ich sehe alles viel zu negativ oder vermute hinter jedem Busch einen Rassisten. Vielleicht soll die Kartoffel einfach nur simple Selbstironie sein, die sich genau über Rassismus lustig machen will. Ein Augenzwinkern. So wie früher die Deutschen im Ausland als „Krauts“ bezeichnet wurden. Ist das wirklich so?
Nur: Humor mit der Kartoffeln macht Begriffe nicht automatisch harmlos. Auch stellt sich die Frage, wie das bei denen ankommt, die sich eben nicht als „deutsch“ oder nicht als „Kartoffel“ fühlen, nicht "stolz" darauf sein können und damit nicht zu dem Kreis gehören, der gemeint ist.
Denn wenn ich eine deutsche Kartoffel wäre, wer sind dann die anderen? Reis? Mais? Falafel? Döner? … nicht-deutsch? Plötzlich sortieren wir Menschen nach Lebensmitteln und doch nach Herkunft. Das klingt vielleicht lustig. Das aber folgt derselben Logik, die Menschen in „wir“ und „die anderen“ einteilt.
Besonders irritierend finde ich, dass „Kartoffel“ oft als Synonym für „Bio-Deutsch“ verwendet wird. Auch dieses Wort ist nicht nur merkwürdig, sondern umstritten und ideologisch besetzt; je nach Kontext und je nachdem, wer es wo und wie verwendet. Als gäbe es Menschen mit einem Bio-Siegel und andere eben nicht. Als wäre Deutschsein eine Frage der Abstammung und nicht der Gesellschaft, in der wir gemeinsam leben. Auch hier könnten Ironie, Sarkasmus oder sogar Kritik eine Rolle spielen, aber auch genau das Gegenteil davon.
Dabei erzählt ausgerechnet die Kartoffel eine ganz andere Geschichte, und sie ist weit weg von „Bio-Deutsch“. Sie stammt nicht aus Deutschland. Sie stammt aus Südamerika. Jahrhundertelang wurde sie von den indigenen Völkern der Anden angebaut, bevor sie nach Europa kam. Anfangs wollten viele Menschen sie gar nicht haben. Sie war fremd. Es wurde ihr misstraut. Erst später wurde sie zum Grundnahrungsmittel und schließlich zu einem Symbol deutscher Küche.
Wenn wir so wollen, ist die Kartoffel eine der erfolgreichsten Migrant:innen der deutschen Geschichte. Eigentlich müsste sie deshalb der Albtraum aller Nationalisten sein. Ausgerechnet das Symbol des angeblich Ursprünglichen kommt von einem anderen, weit entfernten Kontinent.
Das gilt übrigens nicht nur für Kartoffeln. Tomaten, Kaffee, Kakao, Gewürze – vieles, was wir für selbstverständlich halten, hat eine Migrationsgeschichte. Und Menschen sowieso. Die Geschichte Europas ist eine Geschichte von Wanderungen, Vielfalt, Vermischungen und Begegnungen. Die Vorstellung eines „reinen Volkes“ war nie Realität. Sie war immer nur eine politische Erzählung.
Vielleicht stört mich der Satz deshalb mehr, als ich heute morgen zunächst dachte.
Nicht, weil jeder Mensch, der sich „deutsche Kartoffel“ nennt, Nationalist wäre. Viele meinen es tatsächlich und sicher selbstironisch. Manche machen sich sogar über deutsche Eigenheiten und Rassismus lustig. Das ist nicht das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo der Witz die Grenze zwischen den „richtigen Deutschen“ und den anderen unbemerkt wieder aufbaut. Wo verdeckter Nationalstolz im Hoodie der Selbstironie daherkommt. Wo Ausgrenzung plötzlich ganz locker & flockig wirkt, weil sie mit einem Lächeln ausgesprochen wird.
Ich sehe das vielleicht sensibler als andere und vielleicht zu sensibel. Nicht, weil ich keinen Humor hätte. Sondern weil ich täglich erlebe, wie Rassismus im Alltag funktioniert. Auf dem Weg zur Arbeit, in meiner Freizeit, in meiner Umgebung etc. Er beginnt selten mit offenen Parolen. Er beginnt oft mit kleinen Kategorien. Mit Schubladen. Mit harmlosen Witzen. Mit der ständigen Erinnerung daran, wer angeblich dazugehört und wer eben nicht.
Deshalb werde ich wohl nie sagen: „Ich bin stolz, eine deutsche Kartoffel zu sein.“ Nicht, weil ich etwas gegen Kartoffeln habe. Im Gegenteil; ohne sie wäre die deutsche Küche ziemlich langweilig.
Aber vielleicht liegt gerade darin die schönste Pointe: Das Symbol des Deutschseins ist selbst eingewandert. Die Kartoffel erinnert uns daran, dass Identität nie statisch ist. Dass Kulturen
wachsen, weil Menschen kommen, gehen, teilen und voneinander lernen.
Darauf könnten wir alle tatsächlich stolz sein. Nicht auf die Herkunft. Sondern auf eine Gesellschaft, die versteht, dass am Ende irgendwie alle eine Migrationsgeschichte haben; manche eben nur schon etwas länger. Vielleicht wäre das ein Stolz, der niemanden ausgrenzt oder ausschließt. Steht dafür der Stolz auf die Kartoffel?
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