Es gibt Schmerzen, die vergehen. Wir stoßen uns den kleinen Zeh am Schuhschrank, schimpfen fünf Minuten und machen einfach weiter. Du verbrennst dir die Zunge am heißen Kaffee, fluchst kurz und lebst weiter.
Und dann gibt es Paraguay.
„Es war Paraguay!“; dieser Satz hallt durch deutsche Wohnzimmer wie ein trauriges langgezogenes Echo. Jahre werden vergehen, unsere Kinder werden fragen: „Mama, Papa, warum schaut ihr bei jedem Elfmeterschießen so nervös?“ Und die Antwort wird sehr leise und betroffen sein: „Setz dich. Wir müssen dir eine Geschichte erzählen…“
Natürlich können wir "gute Ausreden" finden. Der Rasen war sicher zu grün. Der Ball war vielleicht zu rund. Der Schiedsrichter hatte bestimmt heimlich Guaraní gelernt. Aber nein; am Ende war es schlicht und einfach Paraguay.
Doch bevor das Elfmeterschießen überhaupt begann, gab es diesen einen hellen Moment.
Den Moment, in dem Millionen Menschen in Deutschland gleichzeitig von der Couch aufsprangen, die Arme hochrissen und „TOOOOR! JAAAA! JAAAA JAAAA“ schrien. Bier flog weit durch die Luft, Nachbarn klopften jubelnd gegen die Wand, WhatsApp-Gruppen explodierten; und für einen kurzen, wunderschönen gemeinsamen Augenblick war die Welt vollkommen in Ordnung und fröhlich.
Dann kam die harte Ernüchterung. Kein Tor. Zumindest offiziell nicht.
In den Herzen vieler Fans bleibt es bis heute ein Tor. Ein Tor, das wir alle gesehen, laut gefeiert und schon halb in die Geschichtsbücher geschrieben hatten. Doch der Fußball schrieb an diesem Abend seine ganz andere und eigene Tragikomödie; und löschte den Jubel viel schneller aus, als der „Videobeweis“ uns sagen konnte.
Und zwei Fragen verfolgen uns seit diesem Abend wie ein Echo:
Hat das wirklich gereicht?
War es wirklich ein Foul?
Vielleicht werden wir darauf nie eine Antwort finden. Vielleicht werden genau das die Gründe sein, warum dieses Spiel uns nicht loslassen wird.
Paraguay! Ein Land, das plötzlich in Deutschland öfter erwähnt wird als manche Bundesländer. Menschen, die vorher nicht einmal sicher waren, wo Paraguay auf der Landkarte liegen könnte, entwickelten über Nacht eine erstaunlich detaillierte Expertise über den paraguayischen Fußball.
Die Trauer verläuft in sechs Phasen:
Schon in zwei Wochen später sitzen wir dann beim Grillen. Jemand reicht uns den Ketchup und sagt beiläufig: „Der kommt übrigens aus Paraguay.“
Plötzlich wird es ganz still. Einer starrt entrückt in die Ferne. Eine andere legt wortlos die Grillzange weg. Irgendwo nicht weit beginnt ein Hund zu heulen.
Selbst Jahre später wird dieser Schmerz noch da sein. Ein Atlas fällt aus dem Regal auf die Seite mit Südamerika; und sofort ist sie wieder da, diese Erinnerung an 2026. Im Kreuzworträtsel steht: „Binnenstaat in Südamerika, neun Buchstaben.“ Wir legen den Stift weit weg. Zu früh. Es ist einfach noch viel zu früh.
Manche Wunden heilen nie ganz. Und manche Tore fallen – nur eben nicht auf der Anzeigetafel.
Doch vielleicht ist genau das der Fußball, den wir so lieben. Er schenkt uns Momente grenzenloser Freude; und Niederlagen, die sich anfühlen, als hätte jemand das WLAN aus unseres Herzens gekappt. Wir leben genau zwischen diesen beiden Gefühlen.
Und wenn irgendwann die nächste Generation fragt, warum manche Deutsche bei dem Wort „Paraguay“ gleichzeitig lächeln, seufzen und plötzlich über ein Tor diskutieren, das offiziell nie existiert hat, dann wird die Antwort lauten:
„Kind, das verstehst du nicht. Das ist ein Gefühl.“
Und tief in unseren Herzen wird eine kleine Stimme flüstern:
„Es war Paraguay.“
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