Die aktuelle Lage in Rojava und im Iran ist kein isoliertes Geschehen. Sie steht exemplarisch für eine konfliktreiche Region, die seit Jahrzehnten zwischen autoritärer Herrschaft, Krieg, religiösem Fundamentalismus und imperialistischer Einflussnahme zerrieben wird. Während Millionen Menschen im Iran trotz brutaler Repression und wirtschaftlicher Not auf die Straße gehen und in Aleppo erneut Bomben, Vertreibung und Armut den Alltag bestimmen, zeigt sich einmal mehr: Es geht nicht um einzelne isolierte und getrennte Krisen, sondern um eine langanhaltende strukturelle Krise von Herrschaft, Ausbeutung, Unterdrückung und Entrechtung. Es ist kein Zufall, dass dabei überall Frauen eine hohe Verantwortung übernehmen, aktiv kämpfen und ganz bewusst vorangehen.
Soziale Not als Motor des Widerstands
Im Iran sind es nicht allein politische Forderungen, die die vielen Menschen im ganzen Land mobilisieren. Es sind vor allem die ökonomische und soziale Verzweiflung: steigende Preise, massive, Arbeitslosigkeit, zerstörte Lebensgrundlagen und ein Staat, der Repression statt sozialer Sicherheit und Perspektiven bietet. Der verzweifelte Versuch des iranischen Regimes, durch Internetabschaltungen ihr ein Informationsmonopol zu sichern, zeigt seine Angst vor einer wütenden Bevölkerung, die sich so nicht länger kontrollieren lassen will. „Frau, Leben, Freiheit“ ist im Iran nicht nur ein Symbol, sondern Ausdruck eines umfassenden sozialen, kulturellen und politischen Aufbegehrens gegen jahrzehntelange Missstände.
Auch in Syrien (insbesondere in Aleppo/Rojava) sind die Menschen Opfer eines langen Krieges, der Kultur, Gesellschaft, Infrastruktur und Perspektiven zerstört hat. Armut, Hunger und Vertreibung sind weiterhin allgegenwärtig. Die erneuten heftigen Kämpfe legen offen, dass es bis heute keine politische Lösung für Syrien gibt, die den Menschen Sicherheit, Selbstbestimmung und soziale Rechte garantiert.
Kolonialismus und Imperialismus als strukturelle Ursachen
Eine Analyse darf diese Zustände nicht isoliert betrachten. Die Ursachen liegen tief in der kolonialen Vergangenheit Europas und der imperialistischen Politik der USA und europäischer Staaten. Künstliche Grenzziehungen, das Zerschlagen gesellschaftlicher Strukturen und die jahrzehntelange Unterstützung autoritärer Eliten haben Demokratien verhindert und Abhängigkeiten geschaffen.
Bis heute setzen Europa, Deutschland und die USA diese eigennützige und blinde Politik unverändert und unbarmherzig fort: durch militärische Interventionen, Waffenlieferungen, Sanktionen, wirtschaftliche Erpressung und politische „Deals“ mit autoritären Regimen. Gleichzeitig wird auffällig geschwiegen, wenn Menschenrechte verletzt werden – oder Menschen werden sogar in den Iran, nach Syrien oder Afghanistan abgeschoben. Dieser ethische Widerspruch ist tatsächlich seit Jahrzehnten konzeptionell und Teil des wachsenden Problems, nicht der Lösung.
Auf der anderen Seite gibt es auch in Europa und den USA breite und ganz offene Sympathien für den politischen Islamismus. Manche politische Strömungen stehen für einen verzerrten Anti-Imperialismus, der allein die westliche Kulturen und ihren globalen Herrschaftsanspruch als Feindbild fixiert. Deshalb verbünden sie sich unkritisch mit reaktionären Kräften wie der Hamas und dem iranischen Regime, obwohl diese klar antisemitische, theokratische und terroristische Ziele verfolgen. Damit opfern manche sogar ihre eigenen Werte wie Menschenrechte und Emanzipation einem simplen "Der Feind meines Feindes ist mein Freund". Ihre Haltung ist somit keine Einsatz für Frieden oder konsequente humanistische Solidarität, sondern eine moralisch bankrotte Doppelmoral, die genau das Gegenteil bewirkt.
Islamismus ist keine Befreiung
Ein Einsatz für Frieden, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit braucht eine klare und konsequente Abgrenzung von islamistischen und autoritären Akteuren. Weder das iranische Regime noch die Hamas oder die Taliban stehen für Befreiung. Gleiches gilt für die neue Regierung der Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) in Syrien, wie die blutigen Angriffe auf die Menschen in Rojava wiederholt belegen. Trotz antiimperialistischer Rhetorik haben diese den Menschen nur Krieg, Terror, patriarchale Gewalt, Korruption, Ausbeutung und Unterdrückung gebracht. Der politische Islamismus instrumentalisiert Religion, um sein Macht zu sichern, und zerstört damit genau jene Menschen und Gesellschaften, deren Befreiung er vorgibt zu vertreten.
Die Rückkehr zu vormodernen und sogar "feudalen" Herrschaftsstrukturen wie Kalifaten oder autoritären Monarchien stellt keine zukunftsorientierte oder demokratische Alternative dar. Solche Modelle reaktivieren historische Macht-, Verteilungs-, und Elitenstrukturen, die in der Vergangenheit oft für politische Stagnation, sozialer Not, Unterdrückung und gesellschaftliche Spaltung verantwortlich waren. Anstatt progressive, demokratische und inklusive Gesellschaftsentwürfe zu fördern und zu formieren, zementieren sie patriarchale, theokratische oder autokratische Systeme, die in der Region bereits wesentlich zu den heutigen Krisen beigetragen haben.
Eine nachhaltig stabile Zukunft erfordert daher nicht die Restauration alter Autoritätsmodelle, sondern die Entwicklung demokratischer, rechtsstaatlicher und partizipativer Systeme, die die Interessen und Rechte aller Menschen schützen und den zahlreichen Völkern die Verantwortung für ihre Zukunft ermöglicht.
Eine fortschrittliche humanistische Position lässt hier keinen Zweifel aufkommen: Imperialismus rechtfertigt keinen Fundamentalismus. Fundamentalismus ist kein Widerstand. Und auch die Anhänger von Restauration und Monarchie sind keine Bündnispartner für eine humanistische und demokratische Politik, die sich eigentlich auf universelle Menschenrechte und Gerechtigkeit verpflichtet ist.
Frau, Leben, Freiheit als globaler Gegenentwurf
„Frau, Leben, Freiheit“ ist deshalb mehr als eine politische Parole. Es ist ein emanzipatorischer Gegenentwurf zu autoritärer Herrschaft, religiösem Zwang und imperialer Gewalt. Diese internationale Bewegung verbindet feministische Befreiung, soziale Gerechtigkeit und politische Selbstbestimmung. Sie stellt den Menschen und das Leben über Ideologien, die Freiheit über Kontrolle und Solidarität über Ausgrenzung.
Dieser Ansatz schließt ausdrücklich ein:
Eine Perspektive des Friedens, der Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit
Das politische Ziel muss gegenseitige Anerkennung, kultureller Respekt und ein umfassender Frieden in der gesamten Region sein, der ausnahmslos alle dort lebenden Volksgruppen, aller Religionen und Weltanschauungen einbezieht, die heute die Region so vielfältig prägen und bereichern: kein kalter und ungleicher Frieden der Friedhöfe, sondern ein Frieden der sozialen Sicherheit, der demokratischen Teilhabe und der Aussöhnung. Dabei stehen Kirchen, Moscheen, Synagogen und Tempel unangetastet nebeneinander und alle Menschen können sich in freien Gewerkschaften und freien Parteien organisieren, wenn sie das für sich selbst entscheiden.
Dazu gehören für uns hier in Europa:
Die aktuellen Auseinandersetzungen in Aleppo und die Proteste im Iran sind eine Ermahnung an uns selbst. Sie erinnern uns daran, dass Menschenrechte, Freiheit, Würde und soziale Sicherheit nicht verhandelbar sind.
„Frau, Leben, Freiheit“ steht für eine Zukunft jenseits von Krieg, Fundamentalismus und imperialer Herrschaft.
„Frau, Leben, Freiheit“ ist deshalb auch als globales Konzept für Emanzipation zu verstehen, damit die Menschen selbst über ihr Leben entscheiden können.
Eine emanzipatorische Politik darf dabei nicht neutral sein. Sie muss klar Partei ergreifen:
für das Leben – gegen Unterdrückung.
für Freiheit – gegen Herrschaft.
für Solidarität – gegen Ausbeutung.
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