Es gehört zum linken Selbstverständnis und vieler fortschrittlicher Zusammenhänge, gegen Unterdrückung zu kämpfen – gegen Rassismus, gegen Antisemitismus, gegen Sexismus, gegen jede Form von Ausgrenzung.
Gerade deshalb fällt es so schwer, darüber zu sprechen, wenn wir Ausgrenzung ausgerechnet in diesen Räumen erleben.
Und doch ist genau das meine Erfahrung. Nicht als Einzelfall, nicht als unglückliche Ausnahme, sondern als wiederkehrendes Muster bei denen, bei denen wir es eigentlich nicht vermuten und die Antifaschismus und Antirassismus mit Fahnen vor sich hertragen und deshalb solche Kritik laut von sich weisen, denn: „Was nicht sein kann, gibt es auch nicht.“
Euer Selbstbild – unsere Realität
Was dabei besonders belastet, ist nicht nur die Ausgrenzung selbst – die erlebe ich seit meiner Kindheit, auch wenn ich mich nie daran gewöhnen werde –, sondern der Umgang damit. Immer wieder wird dann erklärt, es habe sich um ein „Versehen“ gehandelt, um „Unachtsamkeit“, um ein Missverständnis. Für sich genommen mag das immer wieder plausibel klingen. Aber wenn sich diese angeblichen Versehen ständig wiederholen – obwohl die Sensibilität darum längst bekannt ist, obwohl es Hinweise, Gespräche und Kritik darüber gab –, dann verliert diese Erklärung ihre Glaubwürdigkeit.
Was als Entschuldigung gemeint ist, wirkt dann nicht entlastend, sondern wie ein weiterer Schlag ins Gesicht.
Denn eine Entschuldigung, die nichts verändert und den Status quo bestehen lässt, setzt das Problem fort. Sie verschiebt die Verantwortung – weg von den handelnden Strukturen hin zu den
Betroffenen. Plötzlich stehen nicht mehr die wiederholten Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung im Mittelpunkt, sondern unsere Gegenwehr und Reaktion darauf. Sie drehen den Spieß um!
Wenn wir uns wehren, gilt das als „zu sensibel“, als „überzogen“. Uns wird unterstellt, wir würden Rassismus politisch instrumentalisieren. Das trifft – und es verletzt erneut – und das soll uns auch gezielt verletzen, bewusst ausgrenzen, absichtlich nicht einladen, einschüchtern und ruhigstellen.
Denn damit wird nicht nur die ursprüngliche Erfahrung nicht anerkannt, sondern zusätzlich infrage gestellt. Unsere migrantische Perspektive wird delegitimiert, unsere Wahrnehmung relativiert. Aus Menschen, die Diskriminierung benennen, werden diejenigen, die sich rechtfertigen müssen.
Politik ist keine Privatsache, sondern immer öffentlich!
Hinzu kommt ein weiteres Muster, das ich als besonders problematisch erlebe: Ablehnung und bewusste Abgrenzung von einzelnen Personen wird als „Privatsache“ dargestellt, die von anderen zu
respektieren sei. Im privaten Umfeld oder im Verein mag das gelten. Aber in einer politischen Organisation, die sich gemeinsamen Zielen verpflichtet hat und gesellschaftliche Verantwortung real
übernimmt, greift dieses Ausweichen und Wegducken zu kurz. Unbequeme Kritik wird willkürlich zu "Interna" erklärt, was nicht öffentlich besprochen werden dürfte. Andere relativieren die
berechtigte Kritik oder verspotten die Betroffenen ganz direkt und offensiv. Mit "Mimimimi" werden Menschen polemisch abgewertet, erniedrigt und ihre Reaktion wird als "übertriebenes
Gejammer", "weinerliches Verhalten" oder "unnötiges Klagen" verspottet und an den Randgeschoben.
Doch solche für alle sichtbar unsolidarische Ausgrenzung ist keine Privatsache und kann politisch nicht respektiert oder einfach umgedeutet werden. Es gehört auch nicht in private Räume kleine
Gesprächskreis oder abgelegenen Hinterzimmern, sondern muss offen und mit allen besprochen und dort gelöst werden.
Persönliche Antipathien dürfen dort nicht zur Grundlage politischer Praxis werden – auch das ist ein linker Grundsatz – und erst recht nicht dann, wenn sie mit Ausgrenzung und Diskriminierung einhergehen. Wenn persönliche Ablehnung oder auch rassistische Muster zur „Privatsache“ erklärt werden, die nicht benannt oder öffentlich diskutiert werden dürfen oder in geschlossen Zirkeln besprochen werden sollen, wird dies nicht nur geleugnet. Die Beteiligten wollen sich entziehen, nicht dazu stehen und keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Dennoch bestehen sie auf ihr Tun und fordern von anderen Gehorsam ein, nennen dies dann "Respekt vor der persönlichen Entscheidung und Befindlichkeit". Tatsächlich betrifft sich aber die ganze Gruppe und erzeugt politischen Schaden den alle tragen müssen. Es ist eben keine Privatsache, wenn jemand anderen ausgrenzt und nicht reden will.
Organisation entzieht sich ihrer eigenen Verantwortung.
Natürlich müssen politische Räume Rücksicht auf Menschen und ihre Lebenssituation nehmen. Aber sie dürfen sich nicht ihrem eigenen Anspruch, Programm und ihren Zielen entziehen, indem sie zulassen, dass Einzelne Ausgrenzung und Diskriminierung in den Bereich des Privaten verschieben, um es damit eine solidarischen Debatte zu entziehen. Was politisch wirkt, ist nicht privat – und muss auch politisch und innerhalb der Organisation öffentlich verhandelbar sein.
Das „Versehen“, das immer uns trifft
Gerade dort, wo Rassismus und Sexismus zusammenwirken, erleben wir dieses Muster besonders deutlich: Kritik wird emotionalisiert, individualisiert und damit entpolitisiert. Es geht dann nicht mehr um Strukturen, sondern um angebliche persönliche Befindlichkeiten. Nicht mehr um reale strukturelle Ausschlüsse und Diskriminierung, sondern um die Frage, ob wir „nicht übertreiben“, „zu sensibel sind“ und .
So entsteht eine Dynamik, in der sich Ausgrenzung immer weiter und wiederholt reproduziert – nicht nur durch das ursprüngliche Handeln, sondern auch durch die Art und Weise, wie darauf reagiert wird. Es setzt sich weiter und weiter fort, wird sogar von anderen übernommen, die sich bestärkt darin fühlen, anderen zu verurteilen und auszugrenzen, auch wenn sie keine persönlichen Gründe dafür haben und schon jetzt wird klar, dass der nächste Schlag kommen wird.
Nicht eingeladen. Nicht gemeint. Nicht erwünscht!
Da geht es deshalb nicht um einzelne Fehler, sondern um eine Frage der angeblichen „Gemeinschaft“. Es geht darum, warum sich diese „Fehler“ so verlässlich immer wieder wiederholen. Und warum die Reaktion darauf immer nur darin besteht, ihre Bedeutung zu relativieren, statt ihre Ursachen zu hinterfragen und endlich wirksam und nachhaltig abzustellen.
Solange „Versehen“ oder „Unachtsamkeit“ als Erklärung ausreicht, ohne dass sich etwas ändert, wird sich auch nichts ändern.
Wir brauchen eine ehrliche Auseinandersetzung. Eine, die unsere Erfahrungen ernst nimmt, die bereit ist, die eigenen Strukturen zu hinterfragen und die Verantwortung nicht nur in Worten übernimmt, sondern im tatsächlichen Handeln. Ausgrenzung muss beendet werden.
Denn wenn wir als links Denkende, die glaubwürdig gegen Rassismus, gegen Antisemitismus und gegen Sexismus eintreten wollen, müssen wir bereit sein, genau dort hinzuschauen, wo es am unbequemsten
ist: in den eigenen Reihen und in den Spiegel.
Siehe dazu auch:
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