Stadtbild eines Migranten

Für Veränderung, statt Feigenblatt-Simulation von Humanität

Ich lebe in einer Stadt, die sich gern weltoffen gibt. Wo Politiker:innen und selbsternannte Moralhüter:innen sich mit Schlagworten wie „Integration“, „Vielfalt“, „Teilhabe“ oder „Zusammenhalt“ schmücken – während ich längst weiß, dass diese Worte nur hohle Phrase sind.

Neben einem farbigen Herz in der Stadt #verliebtin ... sehe ich Lesungen in Bibliotheken, Kunstausstellungen, Infostände mit Regenbogenfarben, intellektuelle Kinoabende und runde Tische, auf denen gebildete, wirklich gute Menschen über eine vielfältiges Zusammenleben dozieren. Aber keiner dieser Orte hat irgendetwas mit meinem Leben oder vieler meine Freunde zu tun. Danach gehen alle Teilenhmer:innen mit einem guten Gefühl nach Hause in ihre warmen Wohnungen.

Abgehobene Ferne ..

Ich beobachte diese Veranstaltungen aus der Ferne, zwischen Schichtende und Busfahrt, mit müden Augen, vollen Händen und ganz anderen Sorgen. Da drinnen wird über Menschen wie mich gesprochen – nicht mit uns. Migrant:innen kommen kaum dorthin, oder sie werden gezielt "herangekarrt", um als nettes Schmuckwerk zu dienen, als Token auf einem Podest in der Mitte des Raumes, sichtbar nur für die eigene moralische Selbstbefriedigung.

Manchmal werde dann welche auf das Podium eingeladen, damit das Publikum ein „authentisches Gesicht“ auf der Bühne sieht. Sie werden zur lebenden Dekoration, zur Kulisse für schöne Reden über Toleranz. Danach gehe sie zurück in ihre Realität – und die Freund:innen und all der Geflüchteten, die ich kenne: mit niedrige Löhnen, befristete Verträge, überteuerte Wohnungen, katastrophale Unterkünfte, Kinder, die in der Schule aussortiert werden, mit täglich wachsender Befürchtungen vor Abschiebung.

Simulation und Symbolpolitik

Wenn Migrant:innen selbst etwas organisieren – ein Fest, ein politisches Treffen, ein Stück eigene Kultur –, dann bleiben die "Alteingesessenen" meist fern. Kommen sie doch, dann meist als offizielle freundliche Gäste am Mikrofon, um Reden über "Respekt und Begegnung" zu halten, bevor sie schnell wieder verschwinden. Zusammenleben? vielleicht übermorgen. Teilhabe? Fehlanzeige. Wahlrecht? Ein ferner Traum. Faire Löhne oder gleiche Chancen? Auf gar keinen Fall. Abschiebestopp? Es herrscht Angst.

Solch eine reduzierte Politik wirkt scheinheilig, denn sie löst keine Probleme, lenkt von Konflikten ab und soll vor allem befrieden und beschwichtigen. Am Ende ist sie oft wirkungslos, weil echte Veränderungen nur durch Gesten, Worte oder Symbole ersetzt werden. 

Was bleibt, ist ein Stadtbild, welche diese Veranstaltungen und selbst engagierte Demonstrationen nicht ansprechen und verändern wollen und können: Menschen mit fremden Namen in schlecht bezahlten Jobs, Jugendliche ohne Ausbildungsplätze, Familien ohne Chance auf Wohnungen, ... Der strukturelle Rassismus sitzt nicht nur in Köpfen, sondern in Aktenordnern, Mietverträgen, Bewerbungsformularen, auf Arbeitsplätzen – und direkt auf der Straße. 

Nestbeschmutzer:in und "Brunnenvergifter"?
 

Die Verhältnisse bleiben, wie sie sind, und werden trotzdem als Fortschritt verkauft. Was hier passiert, ist keine Integration, sondern eine Inszenierung von Humanität – ein Theaterstück, das nur funktioniert, solange wir Migrant:innen die vorgeschriebene Rolle spielen: dankbar, leise, unauffällig.

Wer wagt, die Realität zu benennen, wer Diskriminierung, Rassismus oder Antisemitismus anspricht oder Missstände offenlegt, wird schnell zum Problem erklärt – als Nestbeschmutzer:in oder "Brunnenvergifter" (Zitat) diffamiert, von Ämtern bedroht oder mit Klagedrohungen eingeschüchtert (so geschehen). 
Denn in dieser Stadt und im Bergischen Land gilt: Was nicht sein darf, existiert offiziell nicht. Und so feiern sich die Eliten weiter selbst, während wir Tag für Tag die Last ihrer Ungerechtigkeit tragen.

In Bewegung kommen!

Symbolpolitik hat nur einen positiven Effekt: Im besten Fall schafft sie etwas Bewusstsein, können Debatten anstoßen oder soziale Bewegungen stärken. Denn viele Dinge und Shows sind ehrlich und wirklich gut gemeint.  All diese Podiumsdiskussionen, Workshops und „Bildungsveranstaltungen“ sind nützlich und sicher auch wichtig, aber erreichen genau die Menschen nicht, um die es geht oder die sie angeblich überzeugen sollen.

Denn es fehlt am Ende meist die Umsetzung von konkreten Maßnahmen für jene, die für Rassismus anfällig sind, AfD wählen oder Vorurteile gegenüber Migrant:innen haben. Das Problem wird damit nicht dort gelöst, wo es entsteht.

Stattdessen verstecken sich demokratische und antirassistische Bildungsbürger:innen in Rathäusern und Eliten-Bildungstempeln – genau dort, wo ohnehin schon alle ehrlich und glaubwürdig überzeugt und in der Mehrheit sind. Ab die Wirklichkeit da draußen sind anders aus.

Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Quartiere!


Wer tatsächlich antirassistische Veränderung will, muss an die sichtbaren Wurzel: bei Armut, Ungleichheit, prekärer Arbeit, sozialer Ausgrenzung. Nicht bei Sektempfängen und Vernissagen für die moralisch selbstgerechte Elite. Antirassistische Politik muss unter uns gelebt werden, die Menschen mitnehmen, wirklich integrieren, alle zusammenbringen – statt sich immer wieder selbstreferenziell an eine elitäre Schicht zu wenden, die bei jeder Podiumsdiskussion die gleichen Probleme mit denselben Teilnehmer:innen wiederkaut.


Kurz: Moralisches Schulterklopfen unter Gleichgesinnten ersetzt keine Veränderung der sozialen Verhältnisse und Notlage in denen immer mehr Menschen, egal vorher sie kommen, in dieser Stadt leben. Kommt raus aus euren Elfenbeintürmen! Wer Rassismus bekämpfen will, darf sich nicht in der eigenen Wohlfühl-Blase suhlen. Sie und er müssen dahin, wo Menschen echte Probleme haben, wo die Wut auf das Establishment wächst und wo soziale Frustration auf Ignoranz und Vorurteile trifft
Wo die Menschen Angst um ihren Arbeitsplatz haben und ihnen der sozialen Abstieg droht. Denn schon heute können sie nur schwer die neuen Schuhe für ihre Kinder bezahlen, obwohl sie seit 20 Jahren in Vollzeit arbeiten gehen. Die Mieten und Energiekosten explodieren, die ÖPNV-Preise steigen stärker als die Lohne haben, während öffentliche Leistung, die alle mit ihre Steuern bezahlt wurden, aber immer weiter reduziert werden. Genau da suchen Menschen die Schuldigen bei den Nachbarn im Stadtbild.
Dort lässt sich echte Verbesserung der Lebenswirklichkeit bewirken und zwar für Alle. Wir warten auf Veränderungen, die alle mitnimmt und nicht nur schöne Bilder in bunten Farben in Powerpointpräsentationen, Flipcharts, Straßenmalereien oder bunte Luftballons zur Schau stellen.

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