Seit Ende Dezember 2025 sehen wird im Iran eine der größten landesweiten Protestwellen seit der „Woman, Life, Freedom“-Bewegung 2022. Ausgelöst durch den dramatischen Kollaps der Währung Rial, Hyperinflation und wirtschaftliche Verzweiflung. Beginnend mit Streiks und Demonstrationen im Großen Basar Teherans haben sich die vielfältigen Proteste rasch zu explizit regimefeindlichen Aufständen entwickelt, die von allen Schichten aus allen Volksgruppen getragen werden. Sie halten in allen Provinzen an, mit Hunderten von Kundgebungen in über 300 Orten, darunter Teheran, Isfahan, Mashhad, Tabriz, Kermanshah, Ilam und Lorestan. Dominante Slogans: „Tod dem Diktator“, „Tod Khamenei“, „Weder Gaza noch Libanon – mein Leben für Iran“, „Woman, Life, Freedom“ – ergänzt durch einzelne monarchistische Rufe wie „Reza Shah, ruhat shad“ (Reza Shah, möge deine Seele selig sein) und vereinzelt „Pahlavi wird zurückkehren“.
Die Repression durch das Regime ist brutal und eskaliert: Sicherheitskräfte (einschließlich der Revolutionsgarde IRGC) setzen scharfe Munition, Tränengas, Metallgeschosse und Angriffe auf Krankenhäuser ein (z. B. in Ilam). Amnesty International, Human Rights Watch und Iran Human Rights melden seit Ende Dezember mindestens 28–49 Tote (darunter Kinder und Jugendliche), über 2.000 Verhaftungen, landesweite Internet-Abschaltung und Folter. Khamenei nennt Demonstrierende „Vandalen“ und „Agenten des Feindes“ (USA/Israel), der Justizchef droht mit „keiner Nachsicht“. Das Regime rekrutiert ausländische Milizen (Hisbollah, irakische PMF) zur Unterstützung.
UPDATE 12.01.2026: Die Zahl der Toten ist nicht mehr zu überblicken. Trotz vollständiger
Internetabschaltung gehen Beobachter*innen von mindestens 1.000 bis zu 5.000 Ermordeten aus. Die Zahl der Verhaftungen steigt täglich, Gefängnisse
sind überfüllt, Menschen verschwinden spurlos.
Es gibt Berichte über standrechtliche Erschießungen in Haftanstalten. Vieles lässt sich derzeit nicht verifizieren – nicht wegen mangelnder Hinweise, sondern weil das Regime jede Transparenz systematisch unterdrückt. Abschalten, wegsperren, töten: Das ist die Strategie. Und die Welt schaut zu.
Vergleich mit 1978/79 – Die entscheidenden Unterschiede
Im Herbst 1978 schrieb Michel Foucault begeistert: „Was im Iran geschieht, könnte die modernste Form des Widerstands sein – der erste große Aufstand gegen die globalen Systeme.“ Er sah darin eine neue „politische Spiritualität“. Rudolf Augstein nannte Khomeini im Spiegel eine „moralische Autorität, die der Westen nie verstanden hat“. John Kifner schrieb in der New York Times (Februar 1979), es gebe kaum Hinweise auf eine neue Diktatur.
Diese Romantisierung – bis heute in Teilen der westlichen Linken verbreitet – verschob den Blick von konkreten Machtstrukturen weg hin zu Erfahrung, Ethos und einer verklärten Revolte gegen die westliche Moderne. Die Islamische Revolution 1979 stürzte eine totalitäre Monarchie, deren Geheimdienst SAVAK Tausende folterte und Tausende tötete – reale Gründe für Massenmobilisierung. Doch sie mündete in eine Nachfolgediktatur, die in repressiver Systematik, ideologischem Totalitarismus und Hinrichtungszahlen die schlimmsten Diktaturen des 20. Jahrhunderts übertrifft. Allein 2025 wurden nach Amnesty International über 1.000–1.300 Menschen hingerichtet – ein blutiger Rekord, denn andere Quellen berichten über mehr als 2.000 Hinrichtungen, oft nach unfairen Prozessen, gegen Minderheiten und Dissident*innen.
Heute ist die Bewegung grundlegend anders – und aus emanzipatorischer Sicht vielversprechender:
Leider lebt die gefährliche Romantisierung fort in vielen Köpfen: Das iranische Regime und seine Vasallen (Hamas, Hisbollah, u.a.) werden von manchen weiterhin als „legitime Bündnispartner“ im „Befreiungskampf“ gegen USA und westliche Hegemonie verklärt. Diese Erzählung ist gefährlich falsch. Die Ideologie des politischen Islamismus hat nichts mit Befreiung zu tun – sie steht für Unterdrückung, patriarchale Gewalt, Antisemitismus und Terror. Wer das Regime als „anti-imperialistisch“ verteidigt, verrät die iranische Demokratiebewegung und ignoriert die reale Brutalität des Regime.
Zentrale humanistische Werte im Mittelpunkt Unsere Ziele stehen für Solidarität, Freiheit, Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Frieden – emanzipatorischen, humanistischen Werten. Genau hier verläuft die rote Linie: Zwischen Befreiung und autoritären Ideologien, egal ob theokratisch, monarchistisch oder „anti-westlich“ getarnt.
Die Lektion von 1978/79 auch für uns hier in Europe lautet: Revolutionen scheitern oft nicht an Repression, sondern daran, dass autoritäre Kräfte nach dem Sturz die Macht übernehmen. Die heutige Bewegung – vielfältig, säkular, frauen- und jugendzentriert – hat das Potenzial, diesen Fehler zu vermeiden. Unsere klare, kompromisslose Solidarität gehört den Iraner:innen, die für eine säkulare Republik kämpfen: für ein Land, in dem Frau, Leben, Freiheit gelebte Realität werden – nicht Slogan, nicht Theokratie, nicht Monarchie. Nur das iranische Volk selbst kann sich befreien – gemeinsam, basisdemokratisch, emanzipatorisch.
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